„Wünschen darf man und wenn ich nicht dran glauben würde, würde ich es nicht machen“

Ein Dorfladen, eine Mehrzweckhalle, eine Ortsverschönerung: Aufhausen soll sich weiterentwickeln.

Über Probleme und Chancen sprach Ortsvorsteher Ludwig Kraus im GZ-Interview.

Autor Karsten Dyba | Foto Rainer Lauschke | Artikel vom 06.06.2015 | Geislinger Zeitung

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Wer als Fremder durch Aufhausen fährt, der fragt sich: Möchte man hier wohnen?

KRAUS: Und warum möchte man da nicht wohnen?

Weil es kaum Infrastruktur gibt.

Das mag der erste Eindruck sein. Das ist immer die Frage, was Sie unter Infrastruktur verstehen.

Ganz einfach: Eine junge Familie braucht Geschäfte, Post, Bank, und Ärzte, die man am besten zu Fuß erreicht.

Das ist in der Tat ein Problem, aber da ist Aufhausen nicht alleine. Damit sind auch die anderen Stadtbezirke unglücklich – und auch viele Albgemeinden. Da sind wir noch unglücklicher, denn wir haben nicht einmal mehr eine Gaststätte. Deshalb war es mein Anliegen – nachdem wir aus dem Programm „Unser Dorf hat Zukunft“ rausgeflogen sind: Wenn unser Dorf eine Zukunft haben soll, dann muss sich infrastrukturell etwas tun. Dafür müssen wir die Ärmel hochkrempeln.

Was macht denn Aufhausen lebenswert?

Die schöne Landschaft, die Sonne, die gute Luft, und – das sieht man nicht auf den ersten Blick – die Dorfgemeinschaft. Ich bin ja auch Reig’schmeckter. Ich kam nach Aufhausen vor 18 Jahren, kannte es aber schon von früher. Später durfte ich auch die zwischenmenschlichen Strukturen kennenlernen. Das Aufgenommenwerden als Fremder war wertvoll.

Das fängt viel auf. Aber in den Nachbarorten gibt es mehr Infrastruktur. Was hat sich in Aufhausen falsch entwickelt?

Es ist die Frage: Was hat sich nicht entwickelt? Und warum? Wir liegen eben an der Kreisgrenze. Nellingen hat sich entwickelt über Förderprojekte und Gewerbeansiedlung.

Rächt es sich, dass Aufhausen 1972 nicht eigenständig blieb?

Ich glaube nicht. Ich habe ja keinen Vergleich. Wie wäre es gewesen, wenn Aufhausen nicht eingemeindet worden wäre? Es wäre nie selbstständig geblieben. Die Nachbarorte sind alle in einem Verwaltungsverband. Man kann nicht 40 Jahre zurückdrehen.

Konkretes Beispiel: Die Aufhausener wünschen sich eine Halle, wie sie jedes andere Dorf auch hat.

Ja.

Geislingen hat dafür aber kein Geld.

Noch nicht.

Der neue Oberbürgermeister Frank Dehmer hat den Aufhausenern Hoffnungen gemacht.

Eine Aussage Herrn Dehmers im Wahlkampf war: Er kann es nicht versprechen, aber er werde alles daran setzen, dass es möglich wird in seiner ersten Amtszeit.

Kämmerer Bernd Pawlak hat derlei Wünschen eine Absage erteilt.

Im Moment sieht’s auch eng aus, das wissen wir alle. Die Stadt hat andere teure Projekte. Wir arbeiten aber ganz intensiv daran, in das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) aufgenommen zu werden. Eybach ist abgeschlossen, das Programm läuft aber weiter. Eine der ersten Maßnahmen wird die Umgestaltung des Geländes des ehemaligen Gasthauses Engel sein. . .

. . .einem Schotterplatz. . .

. . .der alles andere als ansehnlich ist. Dem hat sich die Arbeitsgruppe Dorfverschönerung angenommen. Die wollte auch schon beginnen, da hat die Stadt das ELR-Programm vorgeschlagen. Aufhausen hätte Potenzial, als Schwerpunktgemeinde anerkannt zu werden.

Und wann kommt dann die Halle?

Das wäre der nächste Baustein.

Worum geht es dann jetzt bei der Bürgerversammlung?

Wir wollen den Bürgern jetzt zeigen, dass wir mit ELR eine gute Chance haben. Es wird ein Vertreter der Kommunalentwicklung da sein.

Wird Dehmer auch kommen?

Nein, leider nicht, weil er an diesem Tag Blutspender ehren muss.

Und die sind wichtiger ?

Das müssen Sie Herrn Dehmer fragen. Er war aber bei allen Gesprächen dabei.

Die letzte Bürgerversammlung war vor einem Jahr. Was haben Sie seither geschafft?

Es haben sich fünf Arbeitsgruppen entwickelt, von denen drei sehr intensiv und aktiv arbeiten. Dabei hat sich auch die Idee eines Dorfladens entwickelt, eine Gruppe Dorfverschönerung und eine Wandergruppe, die einen Baumlehrpfad ausgebaut und Ruhebänke aufgestellt hat.

Stichwort Dorfladen: Eine ähnliche Einrichtung in Wiesensteig kämpft ums Überleben.

Ich könnte Ihnen auch drei positive Beispiele nennen. Wir waren letzte Woche in Schemmerhofen, Kreis Biberach, wo es seit 2009 einen Dorfladen gibt. Der läuft sehr gut. Da gibt es so viele erfolgreiche Modelle.

Wie wollen Sie’s in Aufhausen anpacken? Mit einer Genossenschaft?

Wir hatten letzte Woche ein Beratergespräch. Über die rechtliche Form muss man sich Gedanken machen. Man muss die Fehler vermeiden, die anderswo zum Scheitern geführt haben. Deswegen gründen wir jetzt noch keine Genossenschaft und keinen Verein. Wir brauchen erst eine Machbarkeitsstudie.

Glauben Sie, dass sich ein Laden in Aufhausen lohnt?

Ich bin davon überzeugt. Wenn ich nicht daran glauben würde, würde ich es nicht machen. Warum soll es hier nicht funktionieren?

Dann müssen Sie die Aufhausener überzeugen, da einzukaufen.

Bevor das Geschäft steht, sollte ich wissen: Wie groß ist das Interesse? Man muss die Bürgerschaft beteiligen.

Sie haben ja schon ein ungewöhnliches Projekt geschafft: ein eigenes Pflegeheim.

Wenn ich denen geglaubt hätte, die mich für verrückt erklärt haben, dann hätten wir heute kein Pflegeheim. Heute sagen auch die: klasse, super.

Im Gemeinderat ist es Ihnen ja gelungen, ein Budget aus dem Stadtsäckel zu erhalten. Was bringt das?

Von den 1000 Euro kann ich mir vielleicht etwas leisten, was mir die Stadt nicht bietet.

Zum Beispiel eine neue Schlachthaustür.

Zum Beispiel. Wenn die 2000 Euro kostet, dann haben wir die erste Hälfte schonmal zusammen. Es geht auch darum, den Ortschaftsräten ein klein wenig mehr Handlungsspielraum zu geben. Das ist in den Stadtbezirken ganz gut angekommen.

Wünschen Sie sich mehr?

Wünschen darf man. Jetzt sind wir aber mal mit dem zufrieden, was wir haben. Es ist dann auch völlig in Ordnung, wenn der Kämmerer sagt: Jetzt kommt mir aber nicht mit eurer Schlachthaustür. Das ist jetzt Sache des Ortschaftsrates. Der Vorwurf, dass wir das Geld horten, gilt aber auch nicht. Wir legen etwas Geld beiseite. Und wenn ich irgendetwas für das Dorf brauche, dann habe ich Handlungsspielraum. Natürlich sehr begrenzt.

Geislingen braucht mehr Einwohner, kann aber fast nur auf der Alb wachsen. Ist das nicht eine Chance für Aufhausen?

Deswegen haben wir in unserem Baugebiet Alpenblick von 18 Bauplätzen nur noch fünf frei. Das ist ein wirklich schönes Baugebiet. Da haben Sie an 32 Tagen im Jahr Alpenblick. Und es gibt direkt daneben einen Kindergarten, eine Schule, einen Sportplatz und einen Spielplatz.

Mit welchem Ergebnis wollen Sie am Dienstag aus der Bürgerversammlung gehen?

Ich würde mir wünschen, dass die Arbeitsgruppe Dorfladen Rückenwind spürt und die Aufhausener sich sagen: Jawohl, da bin ich dabei, das wird dann auch mein Laden. Und dass die Bürger die Aktionen zur Dorfverschönerung mittragen und es eine private Beteiligung am ELR-Programm gibt. Und vor allem, dass die Bürger weiterhin in derselben Geschlossenheit sich für ihr Dorf einsetzen. Das ist ihr Dorf, ihre Zukunft.


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    • 26.05.2019
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